Interview mit Anne Weller:
Deine Stimme. Deine Wirkung!
Die meisten Menschen behandeln ihre Stimme wie einen alten Drucker: Solange er irgendwie funktioniert, wird er ignoriert. Und wenn er streikt, wird hektisch auf alle Knöpfe gedrückt.
Im Gespräch mit Stimm- und Sprechtrainerin Anne Weller schauen wir einmal genauer auf das Thema Stimme und welche Potenziale PowerPoint-Karaoke dabei bietet.
Bei PowerPoint-Karaoke sprichst und präsentierst du zu Folien, die du vorher noch nie gesehen hast. Kein Plan. Kein Skript. Nur du, deine Performance und deine Stimme.
Was erstmal klingt wie ein pädagogischer Streich, entpuppt sich als erstaunlich wirksames Trainingsfeld für genau die Dinge, die sonst schwer zu greifen sind:
Atmung, Aussprache, Stimmsicherheit, Sprechtempo, Lautstärke uvm.
Für die Stimme sind spontane Auftritte ein echter Stresstest: die Atmung rutscht nach oben, das Tempo wird schneller, die Artikulation leidet – oder man lernt genau das zu steuern
Wie das geht, darüber sprechen wir mit Anne Weller – Sie hört genau hin, wenn andere nur reden.
Liebe Anne, vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview nimmst!
Sehr gerne, Tom! Vielen Dank für die Einladung!
Wie bist du zu deinem Beruf gekommen und erzähl uns gerne ein bisschen von deiner Arbeit?
Stimmen haben mich schon als Kind und Jugendliche fasziniert. In der Schule habe ich an jedem Vorlesewettbewerb teilgenommen. In der Freizeit habe ich es geliebt, Hörspielkassetten zu hören: TKKG, Fünf Freunde, Die drei Fragezeichen, um nur einige zu nennen.
Beruflich hat mich die Stimme weiter begleitet. Ich habe sehr jung mit 28 Jahren eine Führungsposition übernommen und auch da war Stimme wichtig -Durchsetzungskraft, Begeisterung, Empathie, Wirkung.
Das Thema klebte immer an mir und so habe ich mich 2008 und 2009 zur Stimm- und Sprechtrainerin ausbilden lassen.
Seit dem 1. Januar 2010 arbeite ich selbstständig und schule Selbstständige aller Art und Mitarbeitende in Unternehmen auf allen Unternehmensebenen. Damit verbunden bin ich auch an zwei Universitäten und schule dort Studierende und Mitarbeitende.
Hand aufs Zwerchfell – ergänze bitte die Sätze: Stimme ist für mich…/ Die Stimme ist…
Stimme ist für mich das schönste Kommunikationsinstrument.
Die Stimme ist das wirkungsvollste Kommunikationsinstrument.
Welche typischen Ziele/Motivationen haben deine Kunden, wenn Sie ein Stimm- und Sprechtraining bei dir buchen?
Das ist wirklich sehr individuell und abhängig davon, wo die Menschen ihre Stimme und Sprechweise einsetzen.
Beispiele: Ein Mensch muss auf einmal im Job vor anderen Menschen (Kolleg*innen, Kund*innen usw.) präsentieren. Er merkt, dass in diesen Situationen die Stimme auf einmal anders klingt, sich die Sprechweise verändert, die Nervosität die Atmung und auch das Sprechen verschlechtert.
Oder jemand arbeitet generell in einem sprechintensiven Beruf, wie zum Beispiel Lehrer*innen, Erzieher*innen, Call Center Agenten, Moderator*innen, Studiosprecher*innen wie Synchron-, Nachrichten- oder Hörbuchsprecher*innen.
Menschen, die länger als drei Stunden am Tag sprechen, werden als Berufssprecher bezeichnet. Sprechen unter oft schwierigen akustischen Bedingungen wie zum Beispiel laute Umgebungsgeräusche im Großraumbüro, auf der Verkaufsfläche oder in Hörsälen führt zu Stimmproblemen wie Heiserkeit oder in schlimmeren Fällen sogar zu Stimmproblemen oder Funktionsstörungen.
Da sind stimmschonendes Sprechen und Stimmbildung wichtig.
Dann kommen Menschen in ein Training, die stärker, klarer, kraftvoller und wohlklingender sprechen wollen. Die mehr aus ihrer Stimme rausholen wollen, die Stimme feinschleifen und sie entsprechend der bevorstehenden Kommunikationssituation einsetzen wollen.
Wie läuft so ein Einzel-Training/Workshop und die Zusammenarbeit mit dir ab?
Im Vorfeld kläre ich immer ab, woran die Person arbeiten will oder was das Ziel des Unternehmens ist, wenn Mitarbeitende geschult werden sollen. Nach einer Stimmanalyse im Einzeltraining und einem genauen Briefing im Unternehmen setze ich dann passgenau das Training auf die Person und / oder auf die Gruppe auf.
Was unterschätzen die meisten beim gezielten Training ihrer Stimme?
Das Stimmtraining harte Arbeit sein kann. Ich sage immer: Stimme kann man nicht in einer Fünf-Minuten Terrine trainieren. Es braucht, obwohl oder gerade weil wir den ganzen Tag reden, Zeit, um alte Konditionierungen zu verändern, neue Sprechgewohnheiten zu entwickeln und diese in die Geläufigkeit – also in den Sprechalltag zu übertragen.
Was ist für dich eine „schöne/angenehme“ Stimme?
Erst einmal eine funktionale – also eine gesunde Stimme. Dann eine saubere Stimme. Das bedeutet, die Stimme ist klar und deutlich – die Stimme trägt bis zum Ende des Satzes.
Warum schenken so viele Menschen ihrer Stimme erst dann Aufmerksamkeit, wenn sie streikt oder der große Auftritt kurz bevorsteht?
In der Spontansprache, zum Beispiel am Abendbrottisch mit der Familie oder mit Freunden sprechen wir unangestrengt – und auch unüberlegt. Wir denken nicht darüber nach, wie wir gerade sprechen. Sprechen ist also selbstverständlich. Wir lernen Sprechen ja auch quasi „learning by doing“ und nicht als Lernfach in der Schule.
Vor dem großen Auftritt oder vor einem wichtigen Gespräch denken wir stärker nach, wir wollen gut „performen“ – und das nicht nur inhaltlich, sondern auch stimmlich.
Ein weiterer Punkt ist, wenn die Stimme immer wieder durch einen sprechintensiven Beruf überlastet ist.
Dann fangen Menschen an, sich mit ihrer Stimme zu beschäftigen.
Was sind die ersten Warnsignale, auf die besonders Menschen in intensiven Sprechberufen oder in Sprechsituationen achten sollten?
Überlastung und falscher Stimmgebrauch. Überlastung bedeutet Heiserkeit, falscher Stimmgebrauch durch Atmung oder weil Menschen lauter, tiefer, langsamer usw. sprechen wollen, aber nicht wissen, wie das richtig geht.
Warum reagiert die Stimme oft so sensibel auf Stress?
Stimmung und Stimme sind untrennbar miteinander verbunden. Bei Stress gerät der Körper in Alarmbereitschaft. Dadurch verengt der Kehlraum, die Atmung wird gepresst, das Sprechen wird angestrengt, die Stimme fängt an zu zittern.
Wenn Menschen wissen, was Stresssituationen mit ihnen körperlich und stimmlich machen, desto besser sind sie in der Lage, Tools einzusetzen, die die Stimme und das Sprechen entlasten und stärken.
Welche Mythen begegnen dir häufig und was ist die bessere Alternative?
Zuletzt hatte ich eine Person im Training, die leidenschaftlich gerne Mentholbonbons lutscht. Sie hat immer eine Tüte in der Schreibtischschublade und sofort Zugriff darauf. „Macht ja die Stimme frei.“ – sagt sie. Ist allerdings gar nicht der Fall. Menthol, Minze und Eukalyptus trocken den Mund- und Rachenraum aus, was zum Räuspern führen kann. Natürlich dürfen diese Bonbons gelutscht werden, aber bitte nicht vor oder an einem sprechintensiven Tag. Da greift man besser zu Salbeibonbons oder Salzpastillen. Die haben Inhaltsstoffe, die den Mund- und Rachenraum feucht halten.
Dein goldener Tipp: Wenn du unseren Lesern eine einzige Sache mitgeben könntest, die sie morgen sofort tun können, um ihrer Stimme etwas Gutes zu tun – was wäre das?
Die Stimme morgens sanft aufwärmen und sie so auf den Tag vorbereiten. Summen auf dem Konsonanten /M/ und anschließend mit den Lippen flattern (ohne und mit Ton). Das kann man auch wunderbar immer mal wieder am Tag machen, wenn man merkt, dass die Stimme müde wird.
Artikulation – was ist deine Lieblingsübung, wenn jemand nuschelt oder Konsonanten „verschluckt“?
Ich habe viele Lieblingsübungen – allerdings geht es ja nicht um mich. Das Wichtige in meiner Arbeit ist zu schauen, was mein Gegenüber braucht. Und das ist von Mensch zu Mensch verschieden.
Welche stimmlichen Qualitäten lassen sich aus deiner Sicht durch spielerische Formate wie PowerPoint-Karaoke besonders gut trainieren?
Alle! Ich sage ja immer: PowerPoint-Karaoke ist eine Wundertüte. Wenn ich dieses Format in meinen Trainings einsetze, sind die Teilnehmenden erst „entsetzt“, dann begeistert. Sie merken, wie sie ihr Improvisationsgeschick schärfen, unter Zeitdruck klarer denken und punktgenauer formulieren. Das stärkt bei einer Person die Stimme. Eine andere Person, die vorher noch gehetzt gesprochen hat, wird ruhiger. Eine zittrige Stimme wird stark. Also ein absoluter Gewinn für mehr Präsentationsfreude!
Welche 3 Tipps (oder einen) würdest du jemanden vor seiner allerersten PowerPoint-Karaoke-Präsentation geben?
- Negatives Lampenfieber in positive Freude umwandeln. „Ich freue mich, den Menschen jetzt etwas von einem Thema zu erzählen, das ich selbst nicht kenne.“.
- Den Fokus auf die Ausatmung legen. Also weg von Schnappatmung hin zu ruhiger Zwerchfellatmung.
- Die Folien als Ruhepol mit einbeziehen. Der Folienwechsel bietet die Chance, wieder Atmen zu holen und sich zu fokussieren.
Welche Übung empfiehlst du, die man direkt vor einer Präsentation machen kann – und bei der man sofort hört oder spürt, dass die Stimme ruhiger, klarer oder präsenter wird?
Hier empfehle ich wie schon beim Aufwärmen das Summen auf dem Konsonanten /M/. Summen ist ein Ausdruck von Wohlbefinden. Wir summen, wenn wir etwas leckeres essen: „Mmmm, lecker Zitroneneis!“. Wir bekommen also gute Laune vor dem Auftritt. Summen aktiviert den Vagusnerv, der ein Teil des parasympathischen Nervensystems ist. Die Aktivierung des Vagusnervs entspannt. Die Stimmlippen schwingen sanft durch das sanfte /M/ und somit entspannt sich der Kehlraum. Summen sollte man sowieso viel häufiger am Tag machen. Mit eine der schönsten Stimmübungen überhaupt.
Wenn du Menschen, die ihre Stimme oft zurückhalten oder ihr misstrauen, einen Impuls mitgeben dürftest: Warum lohnt es sich, die eigene Stimme öfter „ins Spiel zu bringen“ – auch und gerade in ungewohnten Situationen?
Die Erkenntnis, dass es sich lohnt, diese wunderschöne Instrument einzusetzen, für sich und für die, die zuhören. Das ist für mich das Schöne an Eurem Format PowerPointKaraoke; Auf eine spielerische Art, die Stimme einzusetzen, zu stimmen, zu spielen. Damit verbunden zu erkennen, wie man in Situationen tickt und dann an der Stimme feilt. Das ist nämlich das, was den Profi vom Laien unterscheidet. Der Profi weiß, was die Stimme genau in Situationen macht und ist dann in der Lage, sie entsprechend einzusetzen. Euer Format trägt durch die vielen Übemöglichkeiten immens dazu bei, sicherer auf den Präsentationsbühnen dieser Welt zu werden und sie mit Freude und starker Stimme zu betreten.
Gibt es eine Person auf der Welt, deren Stimme dir persönlich am liebsten gefällt und warum? Hast du ein stimmliches Vorbild?
Ein stimmliches Vorbild habe ich nicht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es bei mir ja darum geht, wie man selbst zu klingen. Eine Lieblingsstimme habe ich auch nicht. Alle Stimme sind einzigartig und auf ihre Art wunderschön.
Welche drei Bücher liest du aktuell und wieso?
Ich lese sehr gerne Biographien. Aktuell liegt von Ulrike Folkerts „Ich muss raus“ auf meinem Tisch. Dazu gesellt sich von Julia Mäiländer „Ich rede, also bin ich.“. Da geht es – na klar – um Stimme, aber aus der neurowissenschaftlichen Sicht. Das dritte Buch ist „Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand.“ von Baek Seungyeon. Es wird beschrieben mit „Ein Herzensroman über die Magie der Worte“.
Du bist auch in den sozialen Medien vertreten? Wie und wo kann man dir online folgen?
Internetseite: www.anne-weller.de und LinkedIn: www.linkedin.com/in/anne-weller
Liebe Anne, vielen Dank für die wertvollen Einblicke und deine nützlichen Tipps! Wir wünschen dir weiterhin viel Erfolg!
